Journalist mit Notizblock neben Facharbeiter

SEO aus Journalistensicht

Ein Beitrag von Tim Müßle, einem Freund und Partner von sixclicks, über die Suchmaschinenoptimierung journalistischer Texte und warum dies den Redaktionen das Tor zum Internet öffnen kann.

Wie wichtig ist SEO für Journalisten?

Journalismus und Suchmaschinenoptimierung scheinen auf den ersten Blick nicht so richtig zueinander zu passen. Ein diffuses Gefühl der Spannung hält viele Journalisten davon ab, ihren Texten über Suchmaschinen in die Welt zu helfen. Warum eigentlich? Ein Gastbeitrag von Tim Müßle, freier Journalist in Essen.

Unter vielen Journalisten gilt das Credo: „Ich schreibe nicht für Suchmaschinen, ich schreibe für Leser!“. In der Ausbildung spielt das Thema oft keine große Rolle, und viele Journalisten fassen das Thema SEO nur mit spitzen Fingern an.

Das hat viele Ursachen – eine davon ist die Idee, die eigene Glaubwürdigkeit könne Schaden nehmen, wenn sich ein Journalist dem Thema SEO zu sehr nähert. SEO ist in der Wahrnehmung eng mit Marketing verknüpft, und mit Werbung wollen die meisten Journalisten wenig zu tun haben.

Dabei ist Suchmaschinenoptimierung vom Grundsatz her gar keine Werbung, sondern nur ein Werkzeug, das alle Branchen nutzen können. Jeder Koch, Kinderarzt oder Autoschrauber kann seine Blog-Artikel suchmaschinenoptimieren, um mehr Leser zu erreichen. Das ist der eine Denkfehler, den viele Journalisten machen: „SEO“ bedeutet nicht automatisch „Marketing“.

SEO Basics für alle – also auch für Journalisten

Alle Menschen, die wollen, dass ihre Texte im Internet gefunden werden, können die Basics der Suchmaschinenoptimierung lernen und nutzen. Jeder, der nicht nur für sich selber schreibt, sollte SEO-Grundzüge kennen, genauso wie die Grundlagen der Verständlichkeit. Zumindest, wenn ihm sein Publikum nicht egal ist. Dabei gilt es allerdings, Maß zu halten, denn die Suchmaschinen funktionieren (noch) nicht so wie Menschen.

Journalismus und SEO-Grundlagen sind miteinander vereinbar

Ein Beispiel: Die Überschrift „Schon morgens sind die Roten blau“ steht über einem Text, der anschaulich die Liebe des sowjetischen Soldaten zum Wodka dokumentiert. Die Schlagzeile ist gut, denn sie trifft den Kern des Textes, sie macht Lust auf mehr und sie ist so geistreich wie unterhaltsam.

Aus SEO-Sicht ist die Schlagzeile unbrauchbar. Nicht ein Schlüsselwort (Keyword) taucht in ihr auf. Weder „Militär“, noch „Soldaten“, „Alkohol“, „Russland“ oder „Sowjetunion“. Niemand würde Wörter aus dieser Überschrift bei Google eingeben, um nach dem Thema „Alkoholmissbrauch in der sowjetischen Armee“ zu suchen.

Das liegt einfach daran, dass Google noch anders arbeitet als ein Mensch. Eine weitere Ursache für den Eindruck, SEO und pfiffige journalistische Texte seien nicht miteinander vereinbar.

Der Eindruck ist falsch oder zumindest unvollständig. Es gibt oft die Möglichkeit eines Kompromisses, und der sieht so aus: Das eine tun und das andere nicht lassen. Lass‘ die Überschrift so, wie sie ist, und baue eine zweite Überschrift, eine Dach- oder Unterzeile, in der alle Keywörter vorkommen, beispielsweise: „Soldaten der sowjetischen Armee trinken im Dienst Alkohol“.

SEO kann für Journalisten das Tor zum Internet öffnen

Natürlich hat suchmaschinenoptimiertes Schreiben aus journalistischer Sicht noch die eine oder andere Klippe, die es handwerklich zu umschiffen gilt. Doch die Vorteile überwiegen. Suchmaschinen sind das Tor zum Internet, und damit das Tor zur Reichweite – und zum Leser. Was ist Journalismus schon ohne Leser?

Fazit: Suchmaschinenoptimiertes Schreiben kann sinnvoll in journalistischen Texten genutzt werden, um mehr Leser zu bekommen, wenn man es nicht übertreibt. Und die Haltung „Ich schreibe für den Leser, nicht für Suchmaschinen“ meint oft in Wirklichkeit: „Ich bin zu faul / zu ängstlich / zu hochmütig, mir neue Fachkenntnisse anzueignen.“

Einige subjektive Vor- und Nachteile von Suchmaschinenoptimierung, aus Sicht eines Journalisten:

SEO Vorteile

  • Tools wie der Google Keyword Planner können bei der Recherche helfen, indem sie aufzeigen, nach welchen Aspekten rund um ein Thema gesucht wird. So verbreitert sich der Blickwinkel aufs Thema. Nachteil: Man kann den Keyword Planner von Google nur mit einem AdWords-Konto nutzen, aber es gibt verschiedene kostenlose Alternativen, die beim Erweitern des Themas helfen können:
  • Suchmaschinenoptimierte Texte werden leichter und häufiger im Internet gefunden. Klingt nach einer Binsenweisheit, aber der Beruf Journalist tut sich mit dem Thema im Augenblick (noch) schwerer, als die Nähe der beiden Themen „Schreiben“ und „für Suchmaschinen schreiben“ vermuten ließe. Kurzer Exkurs: Das liegt daran, dass Journalisten ihre Glaubwürdigkeit bedroht sehen, sobald sie in die Nähe von Marketing rücken. SEO ist zwar vom Ursprung her kein Marketing-Werkzeug, sondern ein Werkzeug für alle Menschen, die im Internet veröffentlichen. Aber SEO eignet sich natürlich hervorragend zu Marketing-Zwecken und ist dementsprechend mit einem Ruf belastet. Journalisten haben das Thema SEO den Marketing-Experten zu lange überlassen.
  • Wenn Journalisten die Grundzüge von SEO beherrschen, nehmen sie dem SEO-Experten ihrer publizistischen Plattform Arbeit ab. Dieser hat mehr Zeit für andere Maßnahmen und die Reichweite der ganzen Plattform kann profitieren.
  • SEO für Fotos kann Fotojournalisten zu einer höheren Reichweite verhelfen – und der ganzen Plattform helfen, sowie natürlich dem Suchenden.

 

SEO Nachteile

  • Auch inhaltlich schlechte Texte, die z.B. nicht vollständig ausrecherchiert sind oder Meinung und Nachrichten mischen, können durch SEO eine höhere Reichweite erhalten.
  • Die Regeln, die SEO einem Text auferlegt, sind nicht immer mit dem deckungsgleich, was Menschen für einen guten Text halten – etwa bei pfiffigen Überschriften wie „Schon morgens sind die Roten blau“, „So Gott Bill“ (über einem Porträt von Microsoft-Gründer Bill Gates) oder auch „Winterkorn hat sich verdieselt“. Das gleiche gilt für Zwischenzeilen. Das häufig zu hörende Credo „Für Google schreiben heißt für den Leser schreiben“ stimmt also nicht so ganz.
  • SEO funktioniert nur bei Themen, nach denen sowieso schon gesucht wird. Für News im sprichwörtlichen Sinn, also für Nachrichten, die noch unbekannt sind, kann es also nicht so gut funktionieren.
  • Wer sich bei SEO nicht gut auskennt, kann im Eifer des Gefechtes dazu neigen, Keywörter im Text selbst zu häufig zu benutzen. Das nennt man Keyword-Stuffing, und das irritiert nicht nur den Leser. Auch Google hat inzwischen gelernt, diese unfaire Taktik zu erkennen.

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